Ev.-luth. St.-Salvatoris-Kirchengemeinde Zellerfeld

Begonnen hat alles...

...mit dem großen Stadtbrand des Jahres 1672. Im Hause des zweiten Predigers Walter am 18.10. nachts um 01:00 Uhr ausgebrochen, vernichtete das Feuer in nur 4 Stunden von den 563 Häusern der Stadt Zellerfeld ganze 465, darunter auch die beiden Kirchen. Wie in der Natur so auch hier hatte das Feuer neben der verheerenden Vernichtungswirkung aber auch die Wirkung der Erneuerung. Bereits drei Jahre später, am 02.08.1675 wurde mit dem Bau der heutigen steineren Kirche begonnen und diese in nur achtjähriger Bauzeit vollendet. Kaum nachvollziehbar für uns, die wir doch maschinengewöhnte Menschen sind, welch gewaltiger Kraftakt dort geleistet wurde.

Die Baukosten betrugen 38.000 Thaler, davon allein 13.280 Thaler für das Kupferdach. Vor allem den Bergleuten muß dabei unsere - man möchte fast sagen “erschaudernde” - Anerkennung dienen. Durch Ausklauben alter Bergwerkshalden in ihrer Feierabendzeit – und der Arbeitstag währte damals mit Ein- und Ausfahren ca. 14 ! Stunden – brachten sie einen Großteil des Geldes auf. Dazu kamen Kollektengelder – natürlich gaben auch hier die Bergleute wieder – Zuschüsse und Anleihen. Staatsgelder, wir würden heute “öffentliche Mittel” sagen – gab es da noch nicht. Die Herzöge von Braunschweig und Lüneburg hatten für den Wiederaufbau lediglich das Ausklauben erlaubt. – Harte Zeiten! – Zur Einweihung der Kirche am 29.04.1683 kam der 77-jährige!! Konsitorialdirektor und Hofprediger Grandanus Dätrius in dreitägigem Fußmarsch von Wolfenbüttel gelaufen.

Mit dieser Zeit sind auch die Namen Caspar Calvör (die Fotos oben zeigen das Ehepaar Calvör) und Georg Philipp Telemann verbunden.












Von 1684 bis zu seinem Wechsel nach – dem ungeheuer weiten – Clausthal im Jahre 1710 war Calvör Superintendent zu Zellerfeld. Zu diesem umfassend gebildeten, sprachkundigen und schriftstellerisch tätigen Theologen schickten Telemanns Eltern ihren Sohn. Telemann selbst, der mit zwölf Jahren seine erste Oper vertonte, schreibt dazu:
“Ach, aber welch ein Ungewitter zog ich mir durch besagte Oper über den Hals! Ich würde ein Gauckler, Seiltänzer, Spielmann, Murmeltieranführer werden, wenn mir die Musik nicht entzogen würde. Gesagt, getan! Mir wurden Noten, Instrumente und mit ihnen das halbe Leben genommen. Damit ich aber destomehr davon abgezogen wurde, so war beschlossen, mich nach Zellerfeld, auf dem Hartze in die Schule zu schicken; weil meine Notentyrannen vielleicht glaubten, hinterm Blocksberg duldeten die Herren keine Musik. Ich ging, etwa 13 Jahr alt, mit einem Empfehlungsbriefe an den Superintendenten Hn. Caspar Calvör, begleitet, der mich zum Studieren ordentlich anhalten sollte, welches auch geschahe, und ich nahm in selbigen, besonders in der Feldvermesserei, merklich zu.”

Blick in die alten Kirchenbücher

Wie rauh das Lüftgen damals um St. Salvatoris wehte, zeigt uns ein Blick in die Kirchenbücher. Da weht der Zeitgeist in seiner ganzen Breite. Einige, wenige Beispiele:
“d. 4. Juny 1711 als Donnerstages wurde H. Henningus Sölemann 27. Jährig gewesener Treufleißiger Diakonus und Seelsorger alhier, auff erhaltener dispensation aus dem Hochfürst. Wolffenbl. Consistorio, wegen seines starken Leibes und damaliger Hitze, Abends in der Stille zu seinem Ruhe-Kammerlein, zur Linken Seite des Altars in der großen Kirche alwo er den Kelch gereichet, beygesetzet, Sontags darauff aber deßen Leichenpredigt von dem H. Superintendenten Gudenio abgestattet; Nachdem dieser fromme Mann Sonnabends zuvor bey guter Gesundheit Beicht gehöret, auch den 31. May alß am Sontage Trinitatis sein Predigtambt zu verrichten willens gewesen, des Morgens halb 6. Uhr ohnvermuhtlich von einem Stichfluß überfallen, und bald darauff nemlich ¼ nach 6. Uhr in seinem Heylande sanfft- und selig verschieden, seines Alters 67. Jahr 21. Wochen und 2. Tage”

“Den 11 ten Aug. 1718 wurde Magdalena Sonnemanns, eine Fau von 38 Jahr, des seel. Andreas Hepen gewesenen Bergmanns alhier nachgelassene Wittwe, enthauptet, welche nach dieses ihres Mannes Tode, in grober Unzucht und Hurerei gelebet, und drey Hurenkinder gezeuget, wovon sie das Mittelste sobald nach der Geburt mit Lappens, welche sie ihm in den Halß gestopffet, ersticket, daßelbige in Kalch gewickelt, und dieses todte Kind über ¼ Jahr in ihrer Schlafkammer bei sich verborgen gahalten, bis es ihre Wirthin in ihrem Abwesen, ohnvermuhtlich gefunden, Inderer diese Magdalena Sonnemanns zu der Schatzgräberey viele verführet, dieselbige umbs Geld betrogen, und also die mehreste Zeit in solcher Boßheit auffsäßig herumgelaufen; alß Sie nun dieses Kinder Mords halber den 4 then January dieses Jahrs inhofftirt, hatt sich nachhero bey ihr geäußert, daß Sie auffs neue wieder schwanger gewesen, da sie dann den 7 then Juny einen jungen Sohn gebohren, und ist darauff wie oben gemeldet den 11. Aug. in Begleitung des hiesigen Herrn Diakony Christoph Geseny und H. Preotory auß dem Grunde, auff dem Margte alhier enthauptet, der Kopff aber vor dem goßlarschen Schlagbaume, auff einen dar zu bereiteten Pfahl gestecket worden. Es hatte sich diese frau zu jedermanns Verwunderung über alle maßen wohl durch andächtiges Gebet und Flehn zu ihrem Tode bereitet, alß nachwelchem sie mit großer Freudigkeit ein Verlang trug, Starb also in wahrer Buuße und Bereuung ihrer begangenen Sünden. Der getreue Gott erfreue ihre Seele, und verhüte in aller Gnade dergl. elende betrübte Fälle. Se wurde auff hiesigen Kirchhoff unten bey der Mauer, bey den ehemahlig enthaupteten Jürgen Pook begraben.”

“ Ao. 1739 d. 30. Jan. ist eine arme Person, nahmens Bergmann im Kahlenberge tod gefunden, u. da Er schon halb verweset, alsofort in ein Loch geworfen und alsda verscharret.”

In den Kirchenbüchern wurde fündig: Heinz Göbert,Clausthal-Zellerfeld. Wir danken ihm dafür. 

Und weiter ging es ...

mit der Geschichte unserer Kirche im 19. Jahrhundert.

Als das Bauwerk 1683 eingeweiht war, schien es im bergmännisch geprägten Umfeld in seiner Größe und Erhabenheit unvergänglich zu sein. Doch – unser Oberharzer Wetter, das damals noch wirklich grimmig gewesen sein muß, nagte unablässig am Gebäude. So ist es nicht verwunderlich, daß die Geschichte unserer Kirche auch immer wieder Baugeschichte ist.
Anhand der Jahreszahl 1745 an der südöstlichen Ecke des Langhauses wird vermutet, daß hier die erste größere Reparatur fällig war. Im Jahre 1827 wurde die Glockenstube des westlichen Vorbaus unter Leitung des Maschinenmeisters Jordan in nicht ausgemauertem Fachwerk erneuert und außen mit Dielen versehen, die mit Schiefer beschlagen wurden.

Sechs Jahre später, 1833, wurden aus Gemeindemitteln – d.h. Spenden der wahrlich nicht reichen Gemeindemitglieder – 8 Fenster erneuert. 1859 bis 1861 wurden Mauerwerk und Dach der Kirche repariert. Bereits 1877 ging es mit der Ausbesserung der Umfassungsmauern und Strebepfeiler weiter. - Noch heftiger beansprucht aber das Kirchendach über die Jahrhunderte die Gemeinde und deren Finanzen. Schon 1791 mußte überlegt werde, ob das Kupferdach repariert oder durch ein Schiefer –oder Schindeldach ersetzt werden sollte. Man entschied sich für die Reparatur. Bereits 1830 war die nächste Dachreparatur fällig, dann wieder 1864, so daß sich der Baumeister Conrad Wilhelm Hase für den Ersatz des Kupferdaches durch ein Ziegeldach aussprach. Hase baute 1863/64 die Saalkirche mit Holztonnengewölbe in eine dreischiffige und siebenjochige Hallenkirche mit Kreuzrippengewölbe auf Bündelpfeilern um.

27. Mai 1864, Geburtstag von König Georg V. Der Ausbau der Kirche in der Amtszeit des Superintendeten Grosse von der Saal- zur Hallenkirche durch den Baurat Conrad Wilhelm Hase wird vollendet. Nicht ohne Grund wählte man König’s Geburtstag als offiziellen Fertigstellungstermin. - Kein Geringerer nämlich als König Georg V. schenkte dem Umbau nicht nur sein “huldvollste Theilnahme”, sondern “der lieben Gemeinde Zellerfeld” auch noch 10500 Taler für das Vorhaben.
Wollte man anfangs, um Geld zu sparen, mit dem Umbau nur den Chorraum massiv ausbauen, änderte sich die Meinung des Kirchenvorstandes mit zunehmendem Baufortschritt. Dies verwundert nicht. Denn ein so schönes Gesamtwerk wie unsere Kirche letztlich unvollendet zu lassen, brachte der Kirchenvorstand denn doch nicht über’s Herz. Doch woher nehmen und nicht stehlen, würde man heute sagen. - So begab sich also eine Delegation des Kirchenvorstandes am 19. Juli 1863 hinunter nach Goslar, zu dem dort weilenden König. Man wollte Seine Majestät über den Baufortschritt unterrichten und für seine Hilfe danken.

Als Georg V. hörte, seine “liebe Gemeinde Zellerfeld” hätte ihre Kirche lieber ganz massiv ausgebaut, erklärte er sich bereit, die dazu noch fehlenden Taler zu schenken. So konnte also weitergebaut werden und aus dem Langhaus entstand zu König’s Geburtstag unsere schöne dreischiffige Hallenkirche. Am ersten Adventssonntag des Jahres 1864 wurde das umgebaute restaurierte Gotteshaus feierlich in Anwesenheit König Georg V. eingeweiht.

Geschichte bleibt immer auch Baugeschichte

Bleiben wir noch etwas bei der Baugeschichte. Wieviel mehr als heute muß zur damaligen Zeit das stolze Bauwerk den Menschen als schier unverwüstlich und für die Ewigkeit gebaut vorgekommen sein. Doch das oberharzer Wetter, damals noch so richtig garstig, nagte stetig an Gemäuer, Dach und Turm. Hinzu kamen die Rauchemissionen aus Bergbau und Wohnhäusern. Heute wissen wir, daß aus einer solchen Kombination aggressiver ‚ saurer Regen‘ entsteht. Die Geschichte des Daches allein macht das deutlich.

So wird berichtet, dass das Kupferdach im Jahre 1791 zu reparieren war, also ca. hundert Jahre vor der Einweihung des Umbaus durch Georg V.. Daß dieses nicht die erste Reparatur war, mag man daran erkennen, daß man sich damals überlegte, das Kupferdach durch ein Schiefer- oder Schindeldach zu ersetzen. Wie so oft, spielte aber auch da das Geld eine ausschlaggebende Rolle. Die Reparatur war um ein Vielfaches billiger und so behielt die Kirche zum Glück ihr so prägendes Kupferdach. Bereits 1864 war das Kupferdach dann wieder schadhaft und in seinem Bestand gefährdet. Baumeister Conrad Wilhelm Hase, der den Umbau der Kirche von der Saal- zur Hallenkirche gerade fertiggestellt hatte, befürwortete den Ersatz des Kupferdaches durch ein Ziegeldach. Und wieder blieb es aus naheliegenden Gründen beim Kupferdach. Weitere kleinere Dacharbeiten wurden durch eine umfängliche Reparatur im Jahre 1928 weit übertroffen. Und wieder überlegte der Kirchenvorstand, das Dach durch ein Ziegeldach zu ersetzen. Der Regierungspräsidnt jedoch lehnte diesen Plan ab, weil das Orts- und Landschaftsbild dadurch beeinträchtigt würde. Damit war die letzte Attacke auf unser Kupferdach abgewehrt.

Schuld und Sühne

Mit zunehmenden Jahren werden die Kirchenbücher immer trockener und nüchterner, so dass daraus keine nennenswerten Zitate oder Ereignisse hervorgehen. In unserem geschichtlichen Rückblick sind wir im 20.Jahrhundert angekommen, das in seiner ersten Hälfte von den Weltkriegen geprägt ist. - Für die ungeheure Menschen- und Materialschlacht des ersten Weltkrieges wurden 1917 drei der vorhandenen vier Läuteglocken abgegeben. Dann kam der 2.Weltkrieg und eines der düstersten Kapitel unsrer Geschichte hat auch Bezug auf unsere Kirche. - Vor 56 Jahren, am Abend des 05.April 1945 erreichten 450 KZ-Häftlinge aus Gandersheim Zellerfeld und wurden von der SS für die Nacht in unsere Kirche halb verdurstet und verhungert und an Durchfall leidend, eingepfercht. Dass diese armen Menschen in ihrer Lage selbstverständlich auch ihre Notdurft in der Kirche verrichten mussten, nahm am nächsten Tag die SS zum Vorwand für die Erschiessung von 21 Häftlingen.

An dieses Ereignis, den sogenannten Todesmarsch, soll die weisse Stele links neben dem nördlichen Kircheneingang erinnern. Gerade zur Karwoche sollten wir uns die Zeit nehmen über das Geschehene nachzudenken. Das Grauen, die Angst und die Menschenverachtung lassen uns still werden. Der Mensch, der technikglaübig meint, alles richten und erreichen zu können, dieser Mensch kann auch so bestialisch sein. Würden wir nicht in Jesu Tod und Auferstehung die Quelle unserer Zuversicht haben, müssten wir verzweifeln. - So können wir getrost beten:

Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen, denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen









Sage um den Bau der Kirche

Wie die Zellerfelder Kirche abgebrannt ist und wieder hat aufgebaut werden sollen, da hat jeder gegeben, wie er's gekonnt und gehabt hat. Da ist aber ein armer Schelm gewesen, der hat nichts gehabt und hätte doch auch gern seinen Pfennig gegeben. Wie er so darüber nachdenkt, was er wohl macht, da fällt's ihm ein: wenn du einen Korb Schwämme holtest! Gibt's nicht viel, gibt's wenig und es gibt einer wohl einen Groschen mehr, wenn du sagst, was du mit dem Gelde machen willst. Also geht er stante pede in den Wald und verirrt sich, bis er auf einen freien Platz kommt, wo er sich umsieht und nachrechnet, wo er wohl sein mag. - Wie er sich so umsieht, auf einmal haben ihn drei maskierte Männer gepackt. Die halten ihn fest und verbinden ihm die Augen und führen ihn mit sich weiter und er merkt endlich, daß es eine Treppe hinab geht. Endlich wird stillgehalten und es wird ihm die Binde von den Augen genommen. Da ist er in einem großen Saal, der ganz köstlich ausstaffiert ist und viele Lichter brennen, so hell wie der Tag. Er hat sich nicht lange besinnen können. Denn da sitzen viele Männer, alle maskiert, und einer verhört ihn. Da erzählt er aufrichtig, wie's ihm gegangen ist, und sagt, sie sollten ihm doch nun auch wieder seine Freiheit geben. Seine Frau und Kinder warteten gewiß mit Schmerzen auf ihn. Aber er wird nicht entlassen, sondern in ein anderes Zimmer geführt, wo man ihm Speise und Trank gibt und sagt, er solle sich nur erst erquicken und sich dann ruhig schlafen legen, morgen wolle man mehr mit ihm reden. Das Zimmer ist auch ganz prächtig gewesen und das Essen und der Wein und das Bett ist eben nicht gewesen, als ob's Spitzbuben gehörte. Nachdem er sich erquickt hat, legt er sich zu Bett und denkt: Na! das ist eine schöne Geschichte! Wo bist du denn nun eigentlich? Spitzbuben sind's gewiß nicht; die wären nicht so manierlich mit dir umgegangen. Bist wohl gar unter die Venediger geraten. Hin! Da wärst du gerade recht gekommen. -

Am andern Morgen, das heißt, wie er geweckt wird, bekommt er erst wieder einen Trunk Wein und Backwerk dazu, und darauf wird er wieder vor die Herren geführt. Die sind da nicht mehr maskiert und sind ganz ansehnliche Leute gewesen. Die fragen ihn, ob er nicht Lust hätte, die Welt zu sehen; wenn er ehrlich wäre, könnte er ein reicher Mann werden. Ja, sagt er, das ginge so nicht, er wisse ja auch nicht, wer die Herren wären, aber er dächte, sie müßten wohl Venediger sein, und da müßte er ja Frau und Kind verlassen und das wäre doch unrecht. Nun, sagt da einer, wir sehen, daß du eine ehrliche Haut bist, und wenn du dir etwas wünschst, nun so sag's. Ja, sagt er, wenn sie ihm ein paar Groschen geben wollten, es wäre ihm doch so verdrießlich, daß er gar nichts geben könnte für die Kirche. Die Sammler kommen heute und am Ende könnte man denken, er sei nur so lange geblieben, um nichts geben zu dürfen. Die Herren wären ja so reich, könnten wohl auch etwas tun für den Aufbau der Kirche. Da gibt's ein lautes Gelächter. »Na, so suche dir etwas aus.« Da führt ihn ein Mann in ein anderes Zimmer und zeigt ihm ganze Fässer voll Pistoletten. »Nun, willst du nicht zugreifen?« - »O ja! werde mich hüten; hieße am Ende gar, ich hätt' es gestohlen! « - »Nun, des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Da, weiter haben wir nichts für dich.« Er gibt ihm eine blecherne Henne. Auch gut, denkt mein Bergmann, und bedankt sich. - Darauf werden ihm die Augen verbunden und so wird er wieder abgeführt. Wie ihm die Binde abgenommen wird, befindet er sich auf einem Weg. Er kennt ihn, es ist der Weg nach Zellerfeld gewesen. Er nach Haus. »Na, gottlob!«, ruft seine Frau, »aber wo hast du denn so lange gesteckt?« - »Na, nur stille! Mir ist's wunderlich gegangen.« Und da erzählt er. »Aber was sollen wir denn nun mit dem Ding machen?« heißt es. Und während sie das Ding so um und um betrachten und betasten, da auf einmal öffnet sich unter dem Bauch der Henne ein Kläppchen und es fallen lauter Goldstücke heraus, alle wie kleine Küchlein gestaltet. Da ist's Freude gewesen im Hause, und der arme Schelm ist auf einmal reich geworden und hat die Zellerfelder Kirche gebaut. Und zum Wahrzeichen hat er die Glucke mit den Küchlein über den Kirchtüren in Stein abbilden lassen.




Der Zellerfelder Flügelaltar von Werner Tübke in der St.-Salvatoris-Kirche


Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit (Hebräer 13,8)

Einem Vorschlag von Bischof i.R. Eduard Lohse folgend, wurde Werner Tübke mit der Schaffung eines Flügelaltares beauftragt. Lohse war tief beeindruckt von Werner Tübkes 1987 vollendetem Monumentalgemälde “Frühbürgerliche Revolution in Deutschland” im Panoramamuseum Bad Frankenhausen. Mit diesem 14 x 123 m großen Gemälde werden die Reformation und der Bauernkrieg, Martin Luther und Thomas Münzer, Religiosität und Aberglauben dargestellt und die grundlegende Wandlung in Kirche und Gesellschaft dieser ganzen Epoche erfahrbar gemacht.In seinem Leipziger Atelier fertigte Tübke für das Altarbild 69 Skizzen und Entwürfe und vollendete den Flügelaltars noch vor Weihnachten 1996.Feingliedrig und mit auf den Kirchenraum abgestimmter, einfühlsamer Farbgebung, die den Kenner des Gemäldes in Bad Frankenhausen zunächst verwundert, ist Tübke ein in jeder Hinsicht beeindruckendes Werk gelungen. 


Die meisterhafte Rücksichtnahme des Künstlers auf die vorhandene Ausstrahlung des Kirchenraumes, die Aufnahme des Tageslichtes der Seitenfenster und der sich entfaltende Reichtum pastellhafter Farbtöne lassen den Altar, dessen Form die neugotischen Bögen des Kirchenraumes geschickt aufgreift, Einswerden mit der Kirche.



In der Passions- und Adventszeit wird der Flügelaltar geschlossen. Die Haupttafel zeigt dann den Paradiesgarten ohne Adam und Eva, die das Paradies nach dem Sündenfall verlassen mussten. Tier für Tier und Pflanze für Pflanze wurden auch hier sorgfältig untermalt, und es entwickelte sich eine erfrischende Farbigkeit. Über der Textpredella, auf der der Hebräervers zu lesen ist “Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit”, die Abendmahlszene, die – wie die übrigen Bilder – zunächst farblich zurückhaltender ist und erst bei näherem Betrachten ihre Brillanz entfaltet.



Tübke selbst war es wichtig, als Alterswerk ein Bild der Versöhnung und des Heils für die Nachwelt zu schaffen. Genau 10 Jahre nach Fertigstellung des Panoramagemäldes konnte der Flügelaltar am 13.04.1997 feierlich geweiht.